Starlink – Erste Preise für die neue Kommunikation nicht nur auf den Ozeanen

von Hinnerk Weiler am 18.10.2020 / in Kommunikation

Das Versprechen ist vollmundig: Mit Starlink will der Tesla und Space-X Gründer Elon Musk das Internet wie zuhause überall verfügbar machen: auf dem Atlantik, in der Wüste, der entlegenen Berghütte oder mitten auf dem Brombachsee. Dort gibt es mit zwei Balken 3G immerhin schon genug Netzabdeckung, um einen Wetterbericht für die nächsten acht Minuten bis zum Ufer einzuholen. Eine sichere Überfahrt ist also dort auch ohne Starlink möglich. Nur eben ohne ununterbrochenen Live-Stream.

Einen Live-Stream, oder überhaupt irgendein Stream suchte man bisher auch vergeblich, wenn der Weg etwas weiter weg von Küsten führte. Die Versorgung mit, heute an Bord lebensnotwendigem, Internet wird immer wichtiger. Für viele angehende Atlantiküberquerer scheint es geradezu zum KO.-Kriterium geworden zu sein. Es vergeht kaum ein Tag, an dem das Thema nicht in Foren oder unserer Langfahrtsegeln-Gruppe auf Facebook auftaucht.

Starlink wird nicht nur die digitale Kommunikation grundlegend verändern.

Bisher gilt auf See: teuer, aber bequem per Satellit ins Netz oder etwas günstiger und komplizierter, mit einem Kurzwellenfunkgerät.

Im Gegensatz zum Satelliten-Telefon hat ein Kurzwellenfunkgerät mit Pactor Modem nur sehr geringe Betriebskosten. Dafür muss allerdings erst einmal eine Prüfung bestanden werden.

Beide Optionen stehen vor allem für eine grottenschlechte Übertragungsgeschwindigkeit. Nicht, dass wir uns hier missverstehen: Für Wetterberichte (Grib-Daten) und kurze Lebenszeichen per E-Mail reichen die vorhandenen Lösungen vollkommen aus und sind bezahlbar. Aber wer will in den goldenen 20ern des 21. Jahrhunderts noch zwei Wochen von Las Palmas zur Rodney Bay ohne TikTok und Spotify segeln?

Mit weltverändern hat Firmenchef Elon Musk Erfahrung: Sein Unternehmen Tesla versetzte der festgefahrenen Energiewende vor einigen Jahren einen gehörigen Tritt, als Mitbegründer von PayPal brachte er Geld ins Internet und seit 2013 bastelt Musk mit seinem Unternehmen Neuralink an einer direkten Verbindung zwischen dem menschlichen Gehirn und Computern.

Ein eigenes Überall-Internet passt da irgendwie auch ästhetisch wunderbar in ein Portfolio, das sich ohenhin wie die Bucket List eines Star Trek-Fans liest. – Wir haben aber alle genügend Star Trek gesehen, um zu wissen, dass große Verheißungen dort meist irgendeinen desaströsen Preis haben. Bei Starlink ist der mit bloßem Auge zu erkennen:

Im Herbst 2019 startete die zweite Gruppe Starlinksatelliten und war am europäischen Nachthimmel eine Weile als leuchtende Perlenschnur zu sehen, die langsam über den Nachthimmel glitt. Inzwischen haben sich die Leuchtpunkte auf ihren Positionen verteilt und mit ihnen kreisen fast 1.000 dazugekommene „Cubes“ in einem niedrigen Orbit über unseren Köpfen um den Globus. Sie formen das versprochene Netzwerk.

eine Reihe leuchtender Punkte am Nachhimmel über den Häusern

Starlink-Satelliten als Spur aus Leuchtpunkten kurz nach dem Aussetzen. (Foto: DKTUE/Wikipedia CC0)

Zu sehen sind sie am Nachthimmel, wie von Musk immer wieder vorausgesagt wurde, tatsächlich kaum. Weltweiter Protest hat sich trotzdem geformt: Vor allem Astronomen weisen darauf hin, dass das Überallinternet die Voraussetzungen für Erdbeobachtungen des Weltraums erheblich ändern wird. Grund dafür sind, wie das Forbes-Magazin kürzlich spekulierte, im Endstadium bis zu 42.000 Starlink-Satelliten. Sie alle kreisen gleichzeitig in einem niedrigen Orbit und stören die für Astronomie wichtigen Langzeitaufnahmen.

Wie das bisher aussieht, lässt sich auf satellitemap.space schon erahnen. Dort können die Positionen der Starlink-Cubes in Echtzeit verfolgt werden. Aber neben der rein praktischen Überlegung, ob wir das wollen, steht auch eine philosophische Fragestellung an. Wie sehr darf ein einzelnes Unternehmen den Himmel über allen Kontinenten und Weltmeeren für sein Geschäftsmodell verändern? Denn die bloße Masse der Satelliten des Netzes wird dafür sorgen, dass sie nicht alle unsichtbar bleiben und künftige Generationen ein vollkommen anderes Bild vom Nachthimmel haben werden, als wir es heute kennen.

„Better than nothing Beta“ ist bereits besser als der Status-Quo

Bis Ende des Jahres sollen die bereits im All befindlichen Satelliten ihren Betrieb zum Teil aufnehmen und über Nordamerika eine Internet Grundversorgung anbieten.

Understatement pur: „Better than nothing Beta“-Programm, heist der aktuelle Status und klingt erst einmal ernüchternd. Forbes und andere Quellen zitieren Berichte, nach denen der Service 99 US-Dollar pro Monat kosten soll. Dazu kommen noch einmal rund 500 Dollar für die erforderliche Hardware. Preise, die zumindest in diesem Stadium keine ernsthafte Konkurrenz für die bestehenden Anbieter von Satellitenkommunikation darstellen.

Vor allem die runde Antenne ist in ihrer derzeitigen Bauart schwerlich an Bord einer Segelyacht vorzustellen. Die technische Evolution, hin zu kleineren Modellen, ist aber nur eine Frage der Zeit. Der Einstieg in einem bereits konkurrenzfähigen Preisniveau ist aber eine Klare Kampfansage.

Auch lokale Anbieter von Kommunikationsnetzen dürften Starlink spätestens jetzt als reale Gefahr erkannt haben: „Better than nothing Beta“ meint bei Starlink Übertragungsraten von 50 bis 150 Megabit pro Sekunde. Ein internationaler Vergleich hat 2019 zutage geführt, dass der durchschnittliche Internetzugang in Deutschland bei etwas über 24 Mbps liegt. 150 Mbps sind auch in Ballungszentren recht gute Geschwindigkeiten.
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland übrigens auf Platz 25. Die ersten vier Plätze belegen Taiwan (85 Mbps) vor Singapur (71 Mbps), Schweden (55 Mbps) und Dänemark (49 Mbps). Die Schweiz landet mit 38 Mbps auf Platz 8 und Österreich hat es gar nicht erst in die Liste geschafft. – Den Tiroler Berghütten steht offenbar wirklich ein Kommunikationswandel bevor. Iridium mit max. 128 kbps lässt Starlink aber so weit hinter sich, das es für Segler auf Langfahrt tatsächlich Spotify, Facebook, Youtube und Co möglich macht.

Beim Livestream von Bord oder Upload hochauflösender Fotos, bzw. ganzer HD-Videos in der Mitte des Pazifiks, geht es aber auch um den Uplink. Der ist bei der Satellitenkommunikation schon immer die größte Herausforderung gewesen.

Technisch ist es relativ einfach, Daten, wie mit einer Gießkanne, von oben über eine Region zu kippen. Eine relativ kleine Antenne kann diese Daten dann irgendwo empfangen. Deutlich schwieriger ist es, mit einer kleinen Antenne ein Signal zu senden, das im All empfangen werden soll. Hier ist die bisherige Technologie oft an ihre Grenzen gestoßen, denn die kleine Antenne an Bord muss entweder exakt einen Satelliten anpeilen oder sehr starke Signale erzeugen. Daher sind die Geschwindigkeiten aktuell eher im Bereich von Bruchteilen der Starlink-Leistung angesiedelt.

Hier kommt die schlichte Masse der Cubes zum Tragen: Irgendein Cube wird sie schon empfangen. „Better than nothing Beta“ kommt offenbar auf Übertragungsraten von bis zu 50 Mbps im Uplink, wie das Tech-Magazin ZDNet ermittelt hat. Allerdings ist dieser Wert erheblich von der, auf lange Sicht steigenden, Nutzerzahl abhängig. Selbst das lokale Wetter, bzw. die entsprechende Wolkendecke, über einem Sender hat hier bereits deutlich stärkeren Einfluss, als beim Download. Dennoch kann sich Starlink auch beim Upload schon heute mit vielen heimischen Anschlussdosen messen.

Das Überallinternet wird also Realität und könnte halten, was Musk versprochen hat. Trotz der berechtigten Kritik und vor allem der noch unbeantworteten moralischen Frage an das System, wird die Starlink Idee die Kommunikation auf der Erde revolutionieren.

Wer aber meint, dass es Musk nur darum geht, sollte sich die AGBs von Starlink genauer durchlesen: Das Internet auf dem Ozean, in der Wüste oder dem Brombachsee ist wohl nur der erste Schritt. Bei Nutzung der Starlink Technologie stimmen Teilnehmer wie üblich automatisch zu und erklären damit: „…the parties recognize Mars as a free planet and that no Earth-based government has authority or sovereignty over Martian activities“.

– Live long an Prosper!

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