von Hinnerk Weiler / am 03.02.2021 / in

Elf Knoten über Grund. Ein bisschen davon stammt vom Wind, der Rest ist Strömung. Tide. – Gut abgepasst für die letzten Seemeilen zum Ziel. Das ewige Auf und Ab der Meere trieb mich schneller als erwartet die Elbe hinauf, es öffnete Riffpassagen zu entlegenen Karibikinseln und bescherte stille Nächte zwischen Sandbänken.

Ganz unten, Ebbe; ganz oben ist Flut. Dazwischen steigt oder fällt die Gezeit. Zwei Meter vor Deutschlands Nordseeküste, zwölf Meter an der kanadischen Halbinsel Nova Scotia und bis zu sieben Meter sind es schon an einigen Stellen des Ärmelkanals. Nur wenige Zentimeter kommen in der Ostsee zusammen, wer nur dort segelt, braucht nicht weiterzulesen. Je stärker aber die Gezeiten in einem Revier sind, umso mehr können sie einen Törnplan durcheinanderwirbeln.

Segler müssen sich oft nach einem nur bedingt vorhersehbaren Wind richten, viel erbarmungsloser aber ist der Takt, den die Tide vorgibt. Der ist dafür aber zuverlässig auf hunderte von Jahren im voraus zu berechnen. Der Weg von den Seehundbänken vor Cuxhaven nach Hamburg kann aber sehr schnell sehr weit sein, wenn man zur falschen Zeit in die Elbe hinein segelt.

Tiden schätzen: 12er-Regel macht das Segeln einfacher

Es gibt Faustregeln, die das Leben mit der Tide vereinfachen. Eine davon ist die 12er-Regel. Mit ihr lässt sich vorhersagen, wie stark Gezeitenströmungen zu einer bestimmten Uhrzeit an einem Ort werden und wie viel Wasser überhaupt noch kommt, bzw. noch geht.

Dazu braucht man einen Tidenkalender, aus dem man die Höhe Differenz des Wasserstands zwischen Ebbe und Flut, sowie die Uhrzeiten der beiden Extreme entnehmen kann.

Die Veränderung der Gezeit entspricht der Anzahl an Stunden zum nächsten Extrem in Zwölfteln.

So zusammengefasst klingt das komplizierter, als es ist: Angenommen, die Differenz zwischen Ebbe und Flut beträgt drei Meter. Bei auflaufendem Wasser steigt der Meeresspiegel dann in der ersten Stunde nach Ebbe um 1/12 dieser drei Meter. In der zweiten Stunde um weitere 2/12 und in der Dritten um 3/12. Jetzt haben wir 1/12+2/12+3/12. also zusammen 6/12 und die Gezeit ist zur Hälfte aufgelaufen.

Damit rückt das Hochwasser näher als die letzte Ebbe und man zählt entsprechend die Stunden zum anderen extrem: Vier Stunden nach Ebbe sind drei Stunden vor Hochwasser, also wieder 3/12. Zwei Stunden vor Hochwasser sind es noch mal 2/12 und in der letzten Stunde steigt das Wasser um das letzte 1/12 der Gezeit.

graph der 12er-regel zeigt langsamansteigende und dann abflachende Kurve

Die 12er-Regel zur Gezeitenberechnung grafisch verdeutlicht

Die Faustregel hilft also, zu berechnen, wann eine Riffpassage oder Barre im Watt sicher überquert werden kann. Die 12er-Regel verrät einem aber auch, mit welchem Tidenstrom man in dieser Passage zu rechnen hat: Bei Ebbe und Flut steht das Wasser fast still. Danach beginnt es in Richtung der Gezeit immer schneller zu fließen und nach etwa drei Stunden wieder langsamer zu werden. Auch dieses Tempo richtet sich nach der 12er-Regel: Wenn also zwei Stunden nach Hochwasser zwei Knoten Tidenstrom beobachtet werden, kann man daraus die Stromgeschwindigkeiten über die ganze Tidenkurve ableiten. – Zumindest theoretisch, was in der Praxis aber zumindest in halbwegs offenen Küstengewässern nahe genug an der Realität liegt.

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