Lücke gesehen und verwandelt – Ein Kommentar zu Melwin Finks Stunt

von Hinnerk Weiler am 03.10.2021 / in Regatta

Ein wenig haben wir wohl alle um Melwin Fink gebangt. Gestern morgen und auch noch, am Abend, als sich bereits langsam abzeichnete, dass die durchaus gewagte Rechnung des Jüngsten im Mini Transat Feld am Ende aufgehen würde: Dichter an die Leeküste Portugals, Raum nach Süden gutmachen und mit Tempo dem fiesen Sturm davonsegeln. – Einem Sturm, der es in sich hatte und alle anderen Teilnehmer des Mini-Serien-Classments in einen Schutzhafen an Portugals Küste schickte.

Mini 6.50, das sind kleine Boote. Sechseinhalb Meter sind kürzer, als die Wellen zu der Zeit hoch gewesen sein dürften. Wer heute eine Fahrtenyacht kauft, bekommt schnell das Gefühl, dass Schiffe unter 13 Metern schon für die Nordsee als zu klein gelten. Damit es mit kleinen Booten (mit großen übrigens auch) klappt, braucht es viel Know How, Vertrauen in sich und ins Boot. Drei Punkte, die Melwin in den letzen zwei Tagen unter Beweis gestellt hat.

Mini Transat polarisiert in Social Media

Natürlich regt seine kühne Entscheidung zu zahlreichen Kommentaren auf Facebook und Co an. Allem voran: „Wo bleibt denn da die Seemannschaft?“. Die wird oft schon allein angesichts der Bootsgröße der Minis gestellt.

Seemannschaft, wie ich sie verstehe: Ein Boot unter den gegebenen Umständen sicher und schadlos, gern auch schnell, ans Ziel zu bringen. Reduziert man Melwins Stunt vom Wochenende auf diese einfache Formel, dann hat er durchaus Seemannschaft unter Beweis gestellt: Er hatte das Vertrauen in sich, in sein Boot und schnell genug war er, dem Sturm davon zu segeln. Und vor allem: Er hatte eine Taktik, dem Starkwind im Südosten der idealen Kurslinie, aus dem Weg zu gehen. Alles, soweit wir jetzt wissen, auch ohne Schaden zu nehmen.

Schwerer ist die zweite in Social Media oft gestellte Frage zu beantworten: „Was wäre, wenn etwas passiert wäre?“ – Ganz klar, darin lag das größte Risiko seiner Entscheidung: Ein Riss im Segel mit einem von achtern aufziehenden 50 Knoten Windfeld im Nacken, ein Mastbruch, eine Kollision, … Es gibt vieles, was hätte passieren können. Aber das gibt es in jeder Situation auf See. Interessant ist dabei vor allem, dass die „Was wäre, wenn“-Frage dabei immer mit der Gegenfrage gleich schwer wiegt: „Was wäre, wenn nicht?“. Die stellen sich derzeit drei andere Teilnehmer des Rennens, die auf dem Weg an die Küste Portugals von Orcas attackiert wurden und dabei Teils schwer beschädigt das Rennen aufgeben müssen.

Unter Strich kann man Melwins Entscheidung, die Aufforderung der Regattaleitung: „Sucht Schutz“, nicht sofort befolgt zu haben, hinterfragen. Missachten, wie hier und da zu lesen war, kann man es freilich nicht nennen. Der Haftungsausschluss, den Teilnehmer einer Regatta in der Regel vorher abgeben gilt in beiden Richtungen. Soll heißen: Als Skipper trägt man die Verantwortung und fällt Entscheidungen, als Regattaleitung kann man nur empfehlen. Der Entschluss, weiterzusegeln wird ihm sicher nicht leicht gefallen sein. Er hatte aber offenbar eine Taktik, die ihn sicher vor dem Schlimmsten bewahrt hat [Nachtrag] und, wie wir von Christian Kargl inzwischen wissen, einen Ausweichhafen weiter südlich im Auge.[ENDE] Das Vertrauen auf seine Geschwindigkeit hat ihm zusätzlichen „Schutz“ geboten.

Vielleicht lässt sich das Granze gut mit einer ebenfalls gern im Social Media scherzhaft gestellten Frage beantworten: „Was wäre, wenn Segeln wie Fußball wäre?“ – Dann hieße die einhellige Antwort heute sicher: „Er hat die Lücke gesehen und verwandelt.“

 

Fotos: Vincent Olivaud/MiniTransat.org

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